Zitteraali vom Hamburger Fischmarkt
Rainier Piqual am 15.04.09
Auf dem Fischmarkt ist er nur mit einem Bauchladen unterwegs, aber er ist da. Halb Migrant, halb Aal, ist ihm klar, daß er gegen Bananen-Fred verbal den Kürzeren zieht, obwohl er eigentlich die längeren hat. Auch äußerlich verbietet es sich nach europäischen Maßstäben Zitteraali einen schönen Mann zu heißen: Doppeldecker-Schnauzbart – auf der Oberlippe und über den Augen –, loses Haupthaar, so verkauft man vielleicht Döner, aber keinen Fisch. Schon gar nicht Aal auf dem Hamburger Fischmarkt.
Aber bevor der erste nicht mehr weiterliest, aus Angst vor einer weiteren Verlierer-Geschichte wie man sie täglich auf RTL beweinen kann, sei gesagt, daß Zitteraali nicht von ungefähr zu Zitteraali wurde. „Alleinstellungsmerkmal“ oder auch „Nische“ sind die Stichwörter, wie man sie in der Ratgeberliteratur zu Unternehmensgründungen wiederfindet.
Aber Zitteraalis latenter Erfolg musste erst von einem japanischen Touristen angeschoben werden. Der Legende nach soll dieser beschlitzte Tourist beim Anblick der Aale auf dem Bauchladen eine Eingabe der folgenden Art gehabt haben. Er schlich sich mit kleinen Trippelschritten unter den Bauchladen, unter dem er dank seiner durchschnittlichen japanischen Körpergröße von 1 Meter 18 bequem stehen konnte und fingerte von unterwärts mit seinen kleinen flinken Fingern an den Aalen herum. Das klingt widerlich und so sah es auch aus: Ein Fest aus zappelnder und zitternder Penis-Symbolik!
Und Zitteraali traute seinen Augen nicht, seine Aale lebten wohl noch! Das war der Moment, in dem sein erster, ureigenster Werbespruch aus ihm herausquoll und einer Fontäne gleich über den Fischmarkt schoß: „So frisch, die leben!“.
Doch das war nicht alles. Als die Aale zum Erschrecken Aalis aufhörten zu zittern (“Nicht sterben! Aalis nicht sterben!“) weinte er bitterliche Tränen und erkannte das neue Aal-Arrangemeng erst, nachdem er seine Tränen mit einer Flosse weggewischt hatte. Seine Migrantenaale waren verknotet und verbunden, ein maritimes Knäuel, das Gegenstück zum akkuraten Fischstäbchen. Es war Ikebana:
Das Ikebana-Arrangement soll einerseits die Natur in den Lebensraum des Menschen bringen, jedoch gleichzeitig die kosmische Ordnung darstellen. Durch das Arrangement stellt der Gestalter sowohl sein Verhältnis zur Natur als auch seine jeweiligen Gefühle dar, die ihn während des Gestaltens bewegen.
Und von nun an kamen die Leudies zu ihm. Alle wollten Ikebanaaale! Es war als böte ein Außerirdischer eine bis dato unbekannte Fischart orgasmischen Geschmackes an. Doch schon bald waren alle Ikebanaaale verkauft und Zitteraali beherrschte das Aalebinden einfach nicht. Aber, und auch das steht in mancher Ratgeberliteratur zu Werbemaßnahmen, er hatte dadurch Stammkunden gewonnen.
Fortsetzung folgt.



